"Corpus delicti" - eine Inszenierung von Art Shock

Messer, Gabel, Schere, Licht,

gehört in Kinderhände nicht.

 

Vor dem Essen, nach dem Essen

Händewaschen nicht vergessen.

 

Meine Großeltern und Eltern kannten die Gefahren von Verletzungen und Krankheiten, die durch nicht sachgemäßen Umgang bzw. mangelnde Hygiene verursacht wurden. Dank ihrer Fürsorge und der späteren Aufklärung durch die Schule bin ich ein Mensch, der überwiegend selbst einzuschätzen weiß, warum es mir an manchen Tagen an Gesundheit fehlt.

Aber was passiert, wenn die Gesundheit oberstes staatliches Prinzip ist, das durch strenge Kontrollmaßnahmen durchgesetzt wird und jeder Zweifel ausgeschlossen wird?

Diesen Fragen geht Juli Zeh in ihrem Roman "Corpus delicti" nach, von dem sich die Theatergruppe ArtShock inspirieren ließ und am Mittwoch, dem 19. Juni 2019 um 19 Uhr im Theater Variabel eine "schöne neue Welt" vorführte – eine Welt, die göttergleich rein ist, wäre da nicht der Schmutzfleck Moritz Holl. Er ignoriert in seinem Leben alle Gesundheitsmaßnahmen, lässt sich nicht von einer Partnervermittlung verkuppeln, die seine DNA und andere Körperfunktionswerte mit denen von Frauen abgleicht und damit eine gesundes Eheglück prognostiziert. Liebe spielt keine Rolle. Moritz hätte bis an sein Lebensende rebelliert, wenn er sich nicht in einer Gefängniszelle erhängt hätte, weil er ein Mädchen vergewaltigt und getötet haben soll. Keiner glaubt an seine Unschuld, nur seine Schwester Mia . . .

ArtShock überzeugt mit der Umsetzung des Stoffes: Ein Textgeflecht verschiedener Autoren (Zeh, Goethe, Rilke u. a.) ist entstanden zu einem Bühnenbild, das die beiden Welten von Moritz und Mia zeigen. Starke Szenen bleiben in Erinnerung, z. B. der schleichende, Unheil bringende Heinrich Kramer ( Stella Böhme), sein emotionsloser Handlanger (Fabio Fritzsche), die tanzende ideale Geliebte (Marisa Kleditzsch). Kostüme, Masken, Requisite (der leuchtende Schmetterling) und Musik sind maßgeblich für die emotionale Wirkung des Stückes verantwortlich und unterstreichen den Wahnsinn dieser "schönen neuen Welt". Herzlichen Dank an den kreativen Kopf von ArtShock, Frau Freier, dass sie Durchhaltevermögen im Enstehungsprozess besaß und das Vertrauen in die jungen Spieler hatte, den schwierigen Stoff einem Publikum nahe zu bringen!

Ich bleibe dabei, jemandem Gesundheit zu wünschen, wenn er niest. Damit weise ich nicht auf die Krankheit hin, die lauert, sondern drücke mein Mitgefühl und den Wunsch nach Genesung aus. Wir sind Menschen, zu denen die Krankheit gehört.

NöbA

Erstell- / Änderungsdatum: 25.06.2019