Das andere Leben

Haltet die Vielfalt hoch!“

Was bedeutet Freiheit? Warum ist Demokratie so wichtig? Und warum muss man sich immer wieder mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen? Das sind Fragen, die in der heutigen Zeit viel zu selten gestellt, geschweige denn beantwortet werden. Werte wie Toleranz, Menschenwürde und Gleichberechtigung sind Schlagwörter unsere freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Routiniert werden sie in jeder Debatte aufgelistet. Doch was bedeuten diese Wörter? Und noch viel wichtiger ist: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie nicht mehr umgesetzt werden?

Um genau das zu beantworten, entstand die Demokratie-Kampagne “Das andere Leben“. Der Kern dieses Projekts sind Veranstaltungen an Schulen in ganz Deutschland, so auch am Mittwoch, dem 27. März, bei uns am Gymnasium Olbernhau. Mit sonorer Stimme liest Thomas Darchinger den Schülern vor und erzählt ihnen vom Leben des litauischen Judens Solly Ganor. Ein Junge, dessen Kindheit schlagartig endete, als der 2. Weltkrieg 1941 über seine Heimatstadt hereinbrach. Er war 13 Jahre alt. Er überlebte das Ghetto, er überlebte das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig und kam schließlich in das Konzentrationslager Dachau, Außenlager 10. Solly Ganor hat diesen Abschnitt seiner Lebensgeschichte unter dem Titel „Das andere Leben“ aufgeschrieben. Genau aus dieser Autobiografie liest Darchinger schon seit mehreren Jahren Schülern in ganz Deutschland vor. Doch es ist nicht nur eine Lesung. Es ist ein Erlebnis. Untermalt durch die Klänge des Vibraphons, gespielt von Jazz-Musiker Wolfgang Lackerschmid, tauchen wir in die Geschichte ein. Man spürt die Emotionen: den Schmerz und die Hilflosigkeit, die Solly Ganor empfunden haben muss und Darchinger liest mit tränenerstickter Stimme vor: „Sie quälten uns zu Tode. Meinen eigenen Vater!“. Man fühlt die Grausamkeit, die Angst, die Trauer und das unermessliche Leid.

Am liebsten würde man bei den brutalen Schreien der SS-Männer sich ebenfalls die Mütze vom Kopf reißen und den Blick senken. Dabei ist das gar kein SS-Mann. Es ist ein Schauspieler, der aus dem Leben eines Menschen erzählt, der die Todesmaschinerie des Nationalsozialismus überlebte und einem wird klar, dass das nicht nur eine Geschichte ist. Das Gehörte ist auch keine verbitterte Anklage oder Schuldzuweisung. Es ist die Wahrheit, die verlangt, ausgesprochen zu werden. Eine Stimme aus einem anderen Leben, die so eindrucksvoll und mit so viel künstlerischer Kraft verkörpert wird. Solly Ganor hat am eigenen Leib erfahren, was „Vernichtung durch Arbeit“ bedeutet und was es heißt, unfrei zu sein. Diese Erfahrung soll auch in Zukunft erhalten bleiben, ohne dass sie die Zeitzeugen persönlich erzählen müssen. Dies wird durch eine solche Lesung, wie wir sie erlebten, ermöglicht. Wir alle sollen erfahren, wie kostbar „das gleißend helle Licht der Freiheit“ ist. 

Dabei geht es nicht nur um den Holocaust, sondern auch um die Demokratie an sich. In der kurzen Einführungsrede von Thomas Darchinger fällt der Name Hitler erst nach mehreren Minuten. Darchinger beschreibt in seinen einleitenden Worten sowie in seiner abschließenden Aufbereitung nach der Lesung nicht nur die Gesellschaft zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern entschlüsselt Denkweisen und Merkmale einer jeden Diktatur. Populisten und Diktatoren „lassen den Großteil der Fragen einfach weg, um zu den einfachen Antworten zu gelangen“, nach denen sich die Menschen oftmals sehnen. In seinem Plädoyer für Demokratie und die uns so selbstverständlich gewordenen Werte einer solchen Gesellschaft fordert er uns Schüler auf, sich zu informieren, zu hinterfragen und sich gegenseitig zuzuhören. Die Demokratie sei kein Paradies, sondern die Chance, dass jeder eine Stimme habe. In einer Diktatur hingegen herrschen Menschenverachtung, Gewalt und Unfreiheit. Das muss uns klar werden. Eine solche Gewaltherrschaft zu verhindern erfordert Arbeit, Anstrengung und ein kollektives Bewusstsein für die demokratischen Werte, welche so gewahrt werden können.

„Haltet die Vielfalt hoch!“ Mit diesen Worten beendet Thomas Darchinger diese außergewöhnliche Veranstaltung, die wohl bei den meisten eine eindrucksvolle Erinnerung bleiben wird.

M.V.

Erstell- / Änderungsdatum: 01.04.2019